<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="D041494.xml" xml:base="https://id.acdh.oeaw.ac.at/schnitzler/bahrschnitzler/diaries" prev="L041312.html" next="D041495.html"><teiHeader type="text"><fileDesc><titleStmt><title level="s">Hermann Bahr – Arthur Schnitzler: Briefwechsel, Aufzeichnungen, Dokumente 1891–1931</title><title level="a">Brieftagebuch von Hermann Bahr, 30. 9. 1907</title><title type="iso-date" n="01">1907-09-30</title><author ref="#pmb10815">Bahr, Hermann</author><editor><name>Ifkovits, Kurt</name><name>Müller, Martin Anton</name></editor><funder><name>FWF – Fonds für Wissenschaft und Forschung</name><address><street>Sensengasse 1</street><postCode>1090 Wien</postCode><placeName><country>A</country><settlement>Wien</settlement></placeName></address></funder></titleStmt><editionStmt><edition>HBAS</edition><respStmt><resp>Transkription und Kommentierung</resp><name>Kurt Ifkovits</name><name>Martin Anton Müller</name></respStmt></editionStmt><publicationStmt><publisher>Theatermuseum, Wien</publisher><idno type="HBAS-D" n="494"/><availability status="free"><p>Copyright © 2017</p></availability><idno type="handle">https://hdl.handle.net/21.11115/0000-000E-8A07-F</idno></publicationStmt><seriesStmt><p>Machine-Readable Transcriptions of the Correspondence between Hermann Bahr and Arthur Schnitzler</p></seriesStmt><sourceDesc><listWit><witness n="1"><msDesc><msIdentifier><country>A</country><settlement>Wien</settlement><repository>Theatermuseum</repository><idno>HS VM 2102/18–20 Ba</idno></msIdentifier></msDesc></witness></listWit><listBibl><biblStruct corresp="HBT5"><monogr><title level="m">1906–1908</title><editor>Bearbeitet von Kurt Ifkovits und Lukas Mayerhofer</editor><imprint><date when="2003">2003</date></imprint><biblScope unit="pp">291–292</biblScope></monogr><monogr><author ref="#pmb10815">Bahr, Hermann</author><title level="m">Tagebücher, Skizzenbücher, Notizhefte</title><editor>Hg. Moritz Csáky</editor><imprint><pubPlace>Wien, Köln, Weimar</pubPlace><publisher>Böhlau</publisher><date when="1994">1994–2003</date></imprint><biblScope unit="vol">V</biblScope></monogr></biblStruct></listBibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><langUsage><language ident="de-AT">German</language></langUsage></profileDesc><revisionDesc status="candidate"><change who="KI MAM" when="2016-01-12">angelegt</change><change who="KI MAM" when="2016-02-05">Die Stellen über Schnitzler kollationiert am Original</change></revisionDesc></teiHeader><text><body><div type="writingSession" n="1"><p><date when="1907-09-30" n="01">30. 9. 07</date></p><p>Liebes! Ich bin gut angekommen, hab stöhnend ächzend schwitzend ausgepackt und das erste, was ich jetzt tu, ist <rs type="person" subtype="implied" ref="#pmb10818">Dir</rs> zu sagen, daß ich Dich furchtbar lieb hab und daß ich mich wund und weh sehne nach Dir und daß es eigentlich entsetzlich wäre Jemanden so lieb zu haben, wenns nur nicht so wunderschön wäre! Ach Gott, ist mein Zimmer scheußlich! Gott, ist mir das alles zuwider! Gott, ist das überhaupt doch dumm von mir, hier in der Welt herumzutappen, wo ich doch nichts nichts nichts zu suchen habe und wie verloren und<pb/> verlaufen bin, weil ich doch <rs type="person" subtype="implied" ref="#pmb10818">Dir</rs> gehör. Ich tus auch nicht wieder. Wenn ich irgendwie mir irgendwo einen Contract herausschinden kann, der mirs möglich macht, ganz bei Dir zu bleiben, geh ich nicht mehr her. Ich weiß nicht warum, aber heuer ists mir noch viel schwerer, als das letzte Jahr. Schon der Abschied gestern. Ich war wie verblödet vor Schmerz. Und jetzt ists ganz schauerlich, das Heimweh nach Dir. In dieser schönen Stimmung gehe ich jetzt ins Theater, zu <rs type="person" ref="#pmb12504">Reinhardt</rs>.</p><p>Ich hab <rs type="person" subtype="implied" ref="#pmb10818">Dich</rs> lieb!<pb/></p><p><date>30. 9. 07</date></p><p>Abends halb elf.</p><p>Ich tappte also dann ins Theater, schäkerte im Hof beim schönsten Sonnenschein und einer <rs type="place" ref="#pmb259">Lido</rs>hitze mit allerhand Mimen (aber keinen Miminnen, denn es war gar keine sichtbar) und ging dann zu <rs type="person" ref="#pmb12504">Reinhardt</rs>, der, wie immer, gescheit lieb und herzlich war, während ich den um ihn versammelten Dramaturgen sofort an den tief gekränkten Mienen ansah, daß sie bereits die <rs type="work" ref="#pmb30021">Nachtigall</rs> mit Erfolg gelesen haben müssen; besonders <rs type="person" ref="#pmb11752">Holländer</rs> hatte, als ich ihn fest umarmte, in seinem Lächeln<pb/> was Schnaubendes. Ich stellte mich aber furchtbar dumm, bemerkte gar nichts und war von einer bezaubernden Herzlichkeit.</p><p>Dann mit <rs type="person" ref="#pmb12504">Reinhardt</rs> über <rs type="work" ref="#pmb31215">Genovefa</rs>. Probe kann ich erst Donnerstag in acht Tagen haben. Und bis dahin setz ich ihm schon den Kopf soweit zurecht, daß ich den größten Teil der Skizzen doch retten werde – hoffentlich! </p><p><note type="introduction">Ankunft am <rs type="place" ref="#pmb3">Deutschen Theater</rs>.</note>Dann schlief ich in meinem unwirtlichen Gemach ein bischen, trank einen Café, sah mir dann abends zwei Akte einer alten <anchor type="commentary" xml:id="KD494-1"/><rs type="work" subtype="implied" ref="#pmb32474">Posse</rs><note type="commentary" xml:id="KD494-1h"><p><rs type="person" ref="#pmb4934">Gustav Raeder</rs>: <rs type="work" ref="#pmb32474">Robert und Bertram</rs>.</p></note><pb/> an, wurde auf der Stiege von einem plötzlich über mich sinkenden Busen an der Brust getroffen, es war der von <rs type="person" ref="#pmb11791">Lucie</rs>, die mir aber, weil sie drüben »<rs type="work" ref="#pmb29917">Liebelei</rs>« zu spielen hat, gerade nur zuflüstern konnte, daß sie mich noch immer, hoffnungslos, liebt, und stürzte mich dann in den Rachen des Löwen, nemlich ins Bureau der Dramaturgen – <rs type="person" ref="#pmb11752">Holländer</rs> hat mir eben »bewegt« gestanden, daß alle über die <rs type="work" ref="#pmb30021">Nachtigall</rs> tief gekränkt und beleidigt und schwermütig<pb/> sind, was ich mit einem vortrefflich geheuchelten Erstaunen, innerlich aber mit der größten Wurstigkeit aufnahm. Mir sind alle anderen Menschen auf der Welt, außer <rs type="person" subtype="implied" ref="#pmb10818">Dir</rs>, so gleichgiltig geworden – es ist eigentlich furchtbar.</p><p>Und nun denk ich an <rs type="person" subtype="implied" ref="#pmb10818">Dich</rs>, und daß heute <rs type="work" ref="#pmb31217">Iphigenie</rs> ist und ob Du meine Blumen bekommen hast und daß für mich alles andere versunken ist, was nicht Du bist, und daß ich <rs type="person" subtype="implied" ref="#pmb10818">Dich</rs> lieb hab, lieb lieb.</p><p>Gute Nacht.</p></div></body><back><listPerson><person xml:id="pmb10815"><persName><forename>Hermann</forename><surname>Bahr</surname></persName><birth><date when="1863-07-19">19.07.1863</date><settlement ref="#pmb332"><placeName type="pref">Linz</placeName><location><geo>48,3 14,28333</geo></location></settlement></birth><death><date when="1934-01-15">15.01.1934</date><settlement ref="#pmb45258"><placeName type="pref">München</placeName><location><geo>48,13743 11,57549</geo></location></settlement></death><sex value="male"/><occupation ref="#pmb90">Schriftsteller/Schriftstellerin</occupation><occupation ref="#pmb100">Kritiker/Kritikerin</occupation><idno type="URL" subtype="schnitzler-tagebuch">https://schnitzler-tagebuch.acdh.oeaw.ac.at/entity/person_13374</idno><idno type="URL" subtype="d-nb">https://d-nb.info/gnd/118505955</idno><idno type="URL" subtype="bahrschnitzler">https://bahrschnitzler.acdh.oeaw.ac.at/entity/pmb10815</idno><idno type="URL" subtype="pmb">https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/10815</idno><idno type="URL" subtype="schnitzler-briefe">https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/pages/hits.html?searchkey=pmb10815</idno><idno type="URL" subtype="schnitzler-lektueren">https://schnitzler-lektueren.acdh.oeaw.ac.at/pmb10815.html</idno></person><person xml:id="pmb10818"><persName><forename>Anna</forename><surname>Bahr-Mildenburg</surname></persName><persName type="geburtsname_vorname">Bellschan</persName><persName type="geburtsname_nachname">von Mildenburg</persName><birth><date when="1872-11-29">29.11.1872</date><settlement ref="#pmb50"><placeName type="pref">Wien</placeName><location><geo>48,2066 16,37341</geo></location></settlement></birth><death><date when="1947-01-27">27.01.1947</date><settlement ref="#pmb50"><placeName type="pref">Wien</placeName><location><geo>48,2066 16,37341</geo></location></settlement></death><sex value="female"/><occupation ref="#pmb107">Sänger/Sängerin</occupation><idno type="URL" subtype="schnitzler-tagebuch">https://schnitzler-tagebuch.acdh.oeaw.ac.at/entity/person_13376</idno><idno type="URL" subtype="d-nb">https://d-nb.info/gnd/118646370</idno><idno type="URL" subtype="bahrschnitzler">https://bahrschnitzler.acdh.oeaw.ac.at/entity/pmb10818</idno><idno type="URL" subtype="pmb">https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/10818</idno><idno type="URL" 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xml:id="pmb11791"><persName><forename>Lucie</forename><surname>Höflich</surname></persName><persName type="geburtsname_vorname">Helene Lucie</persName><persName type="geburtsname_nachname">von Holwede</persName><birth><date when="1883-02-20">20.02.1883</date><settlement ref="#pmb890"><placeName type="pref">Hannover</placeName><location><geo>52,37052 9,73322</geo></location></settlement></birth><death><date when="1956-10-08">08.10.1956</date><settlement ref="#pmb61048"><placeName type="pref">Schmargendorf</placeName><location><geo>52,47517 13,29071</geo></location></settlement></death><sex value="female"/><occupation ref="#pmb105">Schauspieler/Schauspielerin</occupation><idno type="URL" subtype="schnitzler-tagebuch">https://schnitzler-tagebuch.acdh.oeaw.ac.at/entity/person_16255</idno><idno type="URL" subtype="d-nb">https://d-nb.info/gnd/118963805</idno><idno type="URL" subtype="bahrschnitzler">https://bahrschnitzler.acdh.oeaw.ac.at/entity/pmb11791</idno><idno type="URL" 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Schauspiel in drei Akten</title><author ref="#pmbperson__2121" role="hat-geschaffen">Schnitzler, Arthur</author><date when="1895-10-09">9.10.1895</date><idno type="URL" subtype="asaf">https://asaf.com/S.04.01.27</idno><idno type="URL" subtype="wikidata">https://www.wikidata.org/wiki/Q1823758</idno><idno type="URL" subtype="dracor">https://dracor.org/ger/schnitzler-liebelei</idno><idno type="URL" subtype="theadok">https://theadok.at/work/31062</idno><idno type="URL" subtype="deutschestextarchiv">http://www.deutschestextarchiv.de/book/show/schnitzler_liebelei_1896</idno><idno type="URL" subtype="bahrschnitzler">https://bahrschnitzler.acdh.oeaw.ac.at/entity/pmb29917</idno><idno type="URL" subtype="pmb">https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/29917</idno><idno type="URL" subtype="schnitzler-briefe">https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/pages/hits.html?searchkey=pmb29917</idno><idno type="URL" subtype="schnitzler-tagebuch">https://schnitzler-tagebuch.acdh.oeaw.ac.at/pmb29917.html</idno><note type="work_kind">Drama &gt;&gt; Mehraktiges Drama</note></bibl><bibl xml:id="pmb31217"><title>Iphigénie en Aulide</title><idno type="URL" subtype="wikipedia">https://de.wikipedia.org/wiki/Iphig%C3%A9nie_en_Aulide</idno><title type="namensvariante">Iphigenie in Aulis</title><author ref="#pmbperson__11450" role="hat-geschaffen">Gluck, Christoph Willibald</author><date notBefore="1774-01-01" when="1774-07-02">1774</date><idno type="URL" subtype="bahrschnitzler">https://bahrschnitzler.acdh.oeaw.ac.at/entity/pmb31217</idno><idno type="URL" subtype="pmb">https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/31217</idno><idno type="URL" subtype="schnitzler-tagebuch">https://schnitzler-tagebuch.acdh.oeaw.ac.at/pmb31217.html</idno><note type="work_kind">Musikstück &gt;&gt; Oper</note></bibl></listBibl><listPlace><place xml:id="pmb259"><placeName>Lido</placeName><placeName type="loschen">x</placeName><desc type="entity_type">Teil eines besiedelten Ortes (A.BSOX)</desc><desc type="entity_type_id">18</desc><location type="coords"><geo>45,38333 12,35</geo></location><location type="located_in_place"><placeName ref="#pmb462">Venedig</placeName><geo>45,43713 12,33265</geo></location><idno type="URL" subtype="geonames">http://sws.geonames.org/3174749/</idno><idno type="URL" subtype="bahrschnitzler">https://bahrschnitzler.acdh.oeaw.ac.at/entity/pmb259</idno><idno type="URL" subtype="pmb">https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/259</idno><idno type="URL" subtype="schnitzler-briefe">https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/pages/hits.html?searchkey=pmb259</idno></place><place xml:id="pmb3"><placeName>Deutsches Theater Berlin</placeName><desc type="entity_type">Theater (K.THE)</desc><desc type="entity_type_id">4</desc><location type="coords"><geo>52,524444 13,382222</geo></location><location type="located_in_place"><placeName ref="#pmb168">Berlin</placeName><geo>52,52437 13,41053</geo></location><location type="located_in_place"><placeName ref="#pmb307">Schumannstraße</placeName><geo>52,52402 13,38186</geo></location><idno type="URL" subtype="wikidata">https://www.wikidata.org/wiki/Q703955</idno><idno type="URL" subtype="bahrschnitzler">https://bahrschnitzler.acdh.oeaw.ac.at/entity/pmb3</idno><idno type="URL" subtype="pmb">https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/3</idno><idno type="URL" subtype="schnitzler-briefe">https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/pages/hits.html?searchkey=pmb3</idno></place></listPlace></back></text></TEI>