<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><?xml-model href="../../schema/HBAS_letters.odd.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="L041388.xml" xml:base="https://id.acdh.oeaw.ac.at/schnitzler/bahrschnitzler/letters" prev="L041389.html" next="L041472.html"><teiHeader type="text"><fileDesc><titleStmt><title level="s">Hermann Bahr – Arthur Schnitzler: Briefwechsel, Aufzeichnungen, Dokumente 1891–1931</title><title level="a">Arthur Schnitzler an Rosa Freudenthal, 9. 10. [1897]</title><title type="iso-date" n="01">1897-10-09</title><author ref="#pmb2121">Schnitzler, Arthur</author><editor><name>Ifkovits, Kurt</name><name>Müller, Martin Anton</name></editor><funder><name>FWF - Fonds für Wissenschaft und Forschung</name><address><street>Sensengasse 1</street><postCode>1090 Wien</postCode><placeName><country>A</country><settlement>Wien</settlement></placeName></address></funder></titleStmt><editionStmt><edition>HBAS</edition><respStmt><resp>Transkription und Kommentierung</resp><name>Kurt Ifkovits</name><name>Martin Anton Müller</name></respStmt></editionStmt><publicationStmt><publisher>Theatermuseum, Wien</publisher><idno type="HBAS-L" n="388"/><availability status="free"><p>Copyright © 2017</p></availability><idno type="handle">https://hdl.handle.net/21.11115/0000-000E-86F5-6</idno></publicationStmt><seriesStmt><p>Machine-Readable Transcriptions of the Correspondence between Hermann Bahr and Arthur Schnitzler</p></seriesStmt><sourceDesc><correspDesc><sender><persName ref="#pmb2121">Schnitzler, Arthur</persName></sender><addressee><persName ref="#pmb16560">Freudenthal, Rosa</persName></addressee><placeSender><placeName ref="#pmb50">[Wien]</placeName></placeSender><placeAddressee><placeName ref="#pmb168">Berlin</placeName></placeAddressee><dateSender><date when="1897-10-09" n="01">9. 10. [1897]</date></dateSender><context/></correspDesc><listBibl><biblStruct corresp="ASB1"><monogr><author ref="#pmb2121">Schnitzler, Arthur</author><title level="m">Briefe 1875–1912</title><editor>Hg. Therese Nickl und Heinrich Schnitzler</editor><imprint><pubPlace>Frankfurt am Main</pubPlace><publisher>S. Fischer</publisher><date when="1981">1981</date></imprint><biblScope unit="pp">341–342</biblScope></monogr></biblStruct></listBibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><langUsage><language ident="de-AT">German</language></langUsage></profileDesc><revisionDesc status="candidate"><change who="MAM" when="2016-01-25">Angelegt aus Scan</change></revisionDesc></teiHeader><text><body><div type="writingSession" n="1"><opener><dateline rend="right"><date>Samstag. 9. 10</date></dateline></opener><p><salute>Verehrte gnädige Frau, </salute>wir haben hier einen so fürchterlichen Herbst, mit ewigem Regen, kothigen Straßen, einem schweren Himmel, der einem sozusagen bis vor die Fenster hängt – gibt es wirklich Leute, denen so was egal ist? – Trotzdem und trotz allerlei arbeite ich in den letzten Tagen (denn ich möchte ja doch wieder einmal aufgeführt werden –) Es fällt mir ein, gerade während ich diesen Brief an Sie schreibe, ziehen Sie sich an, um ins <rs type="place" ref="#pmb3">Deutsche Theater</rs> zu <rs type="work" ref="#pmb30474">Agnes Jordan</rs> zu gehn. Wissen Sie überhaupt noch, daß Sie lange nicht in <rs type="place" ref="#pmb168">Berlin</rs> gewesen sind? Haben Sie schon alle Ihre Freunde und Freundinnen wiedergesehen? Ich sehe beinah niemanden, habe stark das Gefühl des Einsamerwerdens; selbst <rs type="person" ref="#pmb10863">Richard</rs> hab ich, seit Sie fort sind, im ganzen erst zweimal gesehen. Übrigens arbeitet er auch und wir haben ausgemacht, daß wir einander nur besuchen, wenn sich irgend eine besondre Veränderung zugetragen, weil wir ja so weit von einander wohnen und es so peinlich ist – fünf Stöcke zu steigen. Und natürlich gibt es keine Veränderung. Ob Ihnen der <rs type="person" ref="#pmb10815">Bahr</rs>, den Ihnen <rs type="person" ref="#pmb11752">Hollaender</rs> bringen will, gefallen wird, weiß ich nicht zu sagen. Auf die Dauer gewiß nicht, – ganz genau! Denn <anchor type="label" xml:id="LL388-1">Menschenseelen, die nur mit Lampions beleuchtet sind, und in die kein Strahl Wahrheit und kein Strahl Größe fällt</anchor>, eignen sich nicht zu längerm Aufenthalt; man geht gelegentlich drin spazieren.</p><p>Schön war es von Ihnen, meinen Brief so bald zu beantworten; der Briefträger hat ihn mir auf der Straße gegeben, beim Schein einer Laterne hab ich ihn gelesen, dann bin ich in die <rs type="work" ref="#pmb31285">Bohème</rs> von <rs type="person" ref="#pmb12457">Puccini</rs> (nein Oper) gegangen. Den <rs type="person" ref="#pmb3787">Zaccone</rs> hab ich einige Mal gesehn; wenn er nach <rs type="place" ref="#pmb168">Berlin</rs> kommt, versäumen Sie nicht ihn anzusehn. Die Bemerkungen, die Sie zu meinem Novellensujet machen, sind interessant, aber nicht durchaus zutreffend. Insbesondre vergessen Sie, daß ich ja gerade das »unbegreifliche« darin herausbringen will, sonst wäre ja die ganze Geschichte sinnlos. Daß Er eben Zusammenhänge ahnt, wo es für das gewöhnliche Auge keine gibt, macht den Vorgang sonderbar. Und daß seine Leidenschaft nicht nur tief sondern auch dunkel ist, muß ja einen Theil seiner eingebildeten Schuld ausmachen. Ich nenne sie dunkel, weil ich sie so schildern will, daß ihr die Freudigkeit und, mit dem absoluten Glauben an eine vollkommene Erwiderung, doch auch das letzte Glück gefehlt hat. Auch die Schönheit des todten Kindes hat für die Grundidee ihren Sinn: nicht an Lebensschwäche oder irgendeiner Krankheit, sondern durch eine Reihe seltner und unglücklicher Zufälle geht es zu Grund, obwohl es zu Gesundheit und Schönheit geboren wäre. Den Abschluß, der Ihnen durch den Sinn gefahren ist, find ich gewaltsam und psychologisch unhaltbar. Nach der Art, wie ich Ihn schildere, ist er kein »Aufjubler«, keiner, der sich »befreit fühlt«. Er wird sich im Gegentheil für eine Zeit in einer neuen geheimnisvollen Weise gebunden fühlen, bis die Schuldempfindung verblaßt und eine ungeheure Sehnsucht jene und alles, was damit zugleich entstanden, wieder ans Ufer seines Lebens wirft. So ist es menschlich; Ihre Lösung ist – jetzt kriegen Sie’s! – literarisch. – Jetzt überlegen Sie sich: geh ich zu Fuß ins <rs type="place" ref="#pmb3">Deutsche Theater</rs> oder nehm’ ich mir einen Wagen? – Ich möchte so gern, daß Sie mir den Verlauf dieses ganzen Abends schildern. Mit wem Sie gesprochen haben, was in Ihnen während des <rs type="work" subtype="implied" ref="#pmb30474">Stücks</rs> vorgegangen ist, von Akt zu Akt. Ich bin noch nie so lebhaft irgendwo gewesen, wo ich in Wirklichkeit nicht war, als heute bei dieser Première. – </p><p>Leben Sie wohl und seien Sie vielmals herzlich gegrüßt von Ihrem ergebenen</p><closer><signed>Arthur Schnitzler</signed></closer></div></body><back><listPerson><person xml:id="pmb2121"><persName><forename>Arthur</forename><surname>Schnitzler</surname></persName><birth><date when="1862-05-15">15.05.1862</date><settlement ref="#pmb50"><placeName type="pref">Wien</placeName><location><geo>48,2066 16,37341</geo></location></settlement></birth><death><date when="1931-10-21">21.10.1931</date><settlement ref="#pmb50"><placeName type="pref">Wien</placeName><location><geo>48,2066 16,37341</geo></location></settlement></death><sex value="male"/><occupation ref="#pmb90">Schriftsteller/Schriftstellerin</occupation><occupation ref="#pmb97">Mediziner/Medizinerin</occupation><idno type="URL" subtype="d-nb">https://d-nb.info/gnd/118609807</idno><idno type="URL" 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Schauspiel in fünf Akten</title><author ref="#pmbperson__11701" role="hat-geschaffen">Hirschfeld, Georg</author><date when="1897-01-01">1897</date><idno type="URL" subtype="bahrschnitzler">https://bahrschnitzler.acdh.oeaw.ac.at/entity/pmb30474</idno><idno type="URL" subtype="pmb">https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/30474</idno><idno type="URL" subtype="schnitzler-briefe">https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/pages/hits.html?searchkey=pmb30474</idno><idno type="URL" subtype="schnitzler-tagebuch">https://schnitzler-tagebuch.acdh.oeaw.ac.at/pmb30474.html</idno><note type="work_kind">Drama &gt;&gt; Mehraktiges Drama</note></bibl><bibl xml:id="pmb31285"><title>La Bohème</title><author ref="#pmbperson__12457" role="hat-geschaffen">Puccini, Giacomo</author><date when="1896-01-01">1896</date><idno type="URL" subtype="bahrschnitzler">https://bahrschnitzler.acdh.oeaw.ac.at/entity/pmb31285</idno><idno type="URL" subtype="pmb">https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/31285</idno><idno type="URL" subtype="schnitzler-tagebuch">https://schnitzler-tagebuch.acdh.oeaw.ac.at/pmb31285.html</idno><note type="work_kind">Text</note></bibl></listBibl><listPlace><place xml:id="pmb50"><placeName>Wien</placeName><placeName type="alternative-name">K.K. 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