Kommentar

Ergo] Unterstrichen.

bekannte … Flinte] Čechov an Aleksandr Lazarev, 1. 11. 1889: »Man kann nicht ein geladenes Gewehr auf die Bühne stellen, wenn niemand die Absicht hat, einen Schuß daraus abzugeben.« (Anton Čechov: Briefe 1889–1892. Hg. und übersetzt von Peter Urban. Zürich: Diogenes 1998, S. 73).

Schnudelchen] Vgl. Die Andere, 3. Akt.

Überlieferung

Versandverlauf

Archivzeuge

Signatur: Wien, Theatermuseum, HS AM 23375 Ba

eh. Brief, 2 Bl., 8 S.

Druck
Arthur Schnitzler: Briefe 1875–1912. Hg. Therese Nickl und Heinrich Schnitzler. Frankfurt am Main: S. Fischer 1981, S. 515–516.
. In: Arthur Schnitzler: The Letters of Arthur Schnitzler to Hermann Bahr. Edited, annotated, and with an introduction, by Donald G. Daviau. Chapel Hill: The University of North Carolina Press 1978, S. 89–90 (University of North Carolina studies in the Germanic languages and literatures, 89).

Entitäten

Personen
Werke
Orte
  • Reichenau an der Rax
  • Wien (K.K. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, Bécs, Land Wien, Vídeň, Wenia, Beč, Vindobona (Wien), Vienna)

Zitieren

Empfohlene Zitierweise
Arthur Schnitzler an Hermann Bahr, 30. 7. 1905. In: Hermann Bahr – Arthur Schnitzler: Briefwechsel, Aufzeichnungen, Dokumente (1891–1931). Hg. Kurt Ifkovits, Martin Anton Müller, Stand 13. 7. 2026, https://hdl.handle.net/21.11115/0000-000E-85C0-2.

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Chronik

Sonntag, 30. 7. 1905

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Arthur Schnitzler an Hermann Bahr, 30. 7. 1905

Wien 30. 7. 905

lieber Hermann, dein neues Stück hab ich in Reichenau gelesen u an Richard abgesandt. – Es hat mich durchaus interessirt, und allerlei menschliches hat mich tief bewegt – gegen das Stück, d. h. gegen das fünfactige Gebilde, das von zweitausend Menschen zugleich angehört u verstanden werden soll, hab ich manches Bedenken. In wenig Worten ausgedrückt: es mangelt dem Ganzen zuweilen an künstlerischer Oekonomie. Nehmen wir an, du hättest mir nur den fünften Act zu lesen gegeben. Da hätt ich gesagt: Donnerwetter, ist das ein merkwürdigs Ding – und hätte mir allerlei erste vier Akte dazu gedacht, die vielleicht alle nicht so gut gewesen wären als deine oder aber besser zum deinem fünften (wie ich ihn empfinde) gepasst hätten. Von deinem fünften Akt geht ein Licht aus, das mir nach vorwärts deutet, aber den Herweg im Dunkel läßt. Man darf immer behaupten 2 × 2 = 4 – aber wenn man sagt: Ergo ist 2 × 2 = 4, so verpflichtet dieses Ergo zu einer vorhergegangenen Rechnung. Natürlich fühlst du dieses Ergo sehr gut – aber du hast es mich nicht dramatisch nachfühlen lassen. Etwas ähnliches hab ich zum 1. Akt zu bemerken. Besenius. Ich bediene mich Wörter eines Vergleichs (um das Recht zu haben etwas falsches zu behaupten!) Wenn sich ein Musiker zum Flügel setzt, so beginnt er zu praeludiren (manchmal) eh er sein eigentliches Stück spielt. Er deutet die Stimmung u die Harmonie des Stückes, – vielleicht auch nur seine eigne Laune an. Deine Besenius-Scene ist solch ein Praeludiren, das du schon als Beginn des wirklichen Stückes ausgibst. Man glaubt dir lang . . 1, 2, 3, 4 Akte hindurch – denn, wenn Dein Besenius noch einmal aufträte, behieltest du vielleicht recht. Damit dass seine Ideen sozusagen wieder erscheinen, ist nichts gethan: hier war ein Mensch, der innerhalb der Oekonomie des ganzen zu mehr bestimmt schien, als einige schöne Dinge auszusprechen, und er giebt sich schminkt sich nach der ersten Scene ab. Das verzeihst mir du so wenig wie die bekannte ungeladene Flinte.
Dass Amschel ist wie er ist, das ist dein Wille und dein gutes Recht. Ich glaub an ihn. Ob man ihn, aus rein praktischen Gründen, nicht von einigen Widrigkeiten befreien sollte, ist wäre zu überlegen. Wäre ich eine große Violinvirtuosin, nicht um die Welt ließ ich mich von einem Kerl anrühren, der öfter als 6 Mal in der Minute Schnudelchen sagt. Aber das ist ja Geschmacksache. Wie oft aber stört uns an einer Frau nur der Gedanke an den der sie besessen hat. Und ist das Publikum nicht gerade so? Das Problem (»Die andere«) wird nicht im geringsten touchirt, wenn Amschel ein wenig umgänglicher erscheint. Die ganze Stimmung des letzten Aktes ist höchst seltsam, besonders merkwürdg die 2 neuen Personen – wie Lida in die Umgebung geräth, ist mir nicht sehr klar geworden, das ihr Hiersein hat was melodramatisches wenn auch ringsum alles ins Groteskphantastische geht. Die Sterbescene, die zwei Männer bei ihr – das ist kühn. Kühn gewiss. Ob es noch mehr ist, weiss ich heute nicht. Von mittheilender Qual die Scene zwischen Heinrich und der Frau v Jello im 4. Akt. Wenn ich heute an das Stück denke, das ich vor 8 Tagen gelesen, so ist es mir wie die Erinnerung an zuckende menschliche Herzen.
Ich hoffe es geht dir gut. Von mir hörst du bald mehr. Meine Frau, die das Stück auch mit tiefster Antheilnahme gelesen, grüßt dich vielmals
Von Herzen dein
Arthur