Burgth. Exemplar
Die rothen Striche von
Andrian oder
Bahr
–
September 1918.
Sollt man es für möglich halten!!!
A. S.
–
[…]
- TITO: Aber es könnte auch irgendwer bei ihm versteckt sein. Im Schrank – im Bett –
- ANINA: Und warum vermutest du das?
[…]
- Ein kleines rundes Ding. Und solch ein Näschen.
- Für zehn Dukaten konnt’ sie jeder haben.
- Und wer ihr just gefiel, für zwei. Das nennt
- Sich Tänzerin. Die Sängerinnen sind
- Geradeso. Triumphe Casanovas!
[…]
- ANDREA: Als Dank –? Wofür – –?
- ANINA: Daß ich ihm angehört in dieser Nacht.
[…]
- FLAMINIA: Ist’s möglich? Wie? Ward so was je erhört?
- Auf keuschem Lager harr’ ich sehnsuchtsvoll,
- Und diese hier fängt mir den Liebsten ab –?!
- Ins Leere durstig breitet sich mein Arm –
- Indessen schlingt der ihre sich um ihn?! –
- Die Nachtluft trink’ ich, seine Küsse die –
- Und während ich mit rotgeweintem Aug’
- Der grauen Dämmrung wach entgegenstarre,
- Ist diese da in süßem Morgentraum,
- Der mir gebührt, verrätrisch eingeschlummert?
- Hat solches Ausmaß von Verworfenheit
- In einem Weiberherzen Raum? (Zu Andrea gewandt:)
[…]
- Mit Casanova sie bekannt gemacht,
- Den sie zum Dank sofort vom Mahle weg
- In ihr wollüst’ges Bett zu locken weiß. – – (Zu Anina)
- Ein Fräulein Sie? Aus gutem Bürgerhaus –?
- Ja, wer von solchem unschuldsblassen Lärvchen
- Sich narren ließe! Wer in diesem zarten
- Hochmüt’gen Antlitz nicht verruchter Laster
[…]
- ANINA: Doch nicht so laut, daß es Herr Santis hört.
- FLAMINIA: Was geht mich Santis an? Die ganze Stadt
- Soll’s wissen. Diebin! Mörderin! Verruchte!
- Das Fenster auf, Andrea, daß man’s hört.
- ANINA: Gern will ich selbst –
- (als wollte sie zum Fenster).
- FLAMINIA (sie am Mantel haltend): Verworfne, Schamvergeßne!
[…]
- Sie zechte mit, sprach englisch mit dem Lord.
- Und wenn’s mir recht ist, unterm Tisch französisch.
- Die nehmen wir auf uns, Herr Bassi, wie?
[…]
- Des Zufalls Opfer, doch zugleich ihm dankbar,
- Jungfräulich-bräutlich, eh die Sonne sank
- Und eh sie aufging – eines Fremden Dirne.
[…]
- So daß sie der erschlichnen Lust nicht froh
- In neuem Durst nach freigebotner schmachtet –,
- Die andre, die er zu umarmen wähnte
- Und die in ungestillter Sehnsucht seufzt.
- Und jede hält ihr Recht allein begründet,
- Wie sie der andern Recht für nichtig hält.
- Dem Jüngling aber sich zur Wahl zu stellen,
- Wie’s nahe läge, lehnen beide ab,
- Denn ist er nicht, wie jetzt, ein Ahnungsloser,
- Vielmehr als wissend in den Fall verwickelt,
- So ward’s ein anderer, völlig neuer Fall,
[…]
- So also steht die Frage: Welcher Schwester
- Nach Herzensrecht gehört der Jüngling zu?
[…]
- Als die Teresa eben mir bewies?
- Sie kehrte mir zurück. Nur das ist Treue,
- Die einz’ge, die mit Fug so heißen darf.
- Denn was uns sonst Gewähr der Treue gilt,
- Das hält nicht stand vor philosoph’scher Prüfung.
- Ist’s etwa ein Beweis, wenn hingegeben
- Nach schwerem Kampf mit heißen Wollustzähren
- Die Tugend selbst in Ihre Arme sinkt?